14. September 2019  / Joseph Kuchler

Michael Erl im PNP-Interview zum Thema Fachkräftemangel. Das Interview führte Chefredakteur Stefan Gabriel und es erschien am 14.09.2019 in der Deggendorfer Zeitung.

Gerade zum Start des Schul- und Ausbildungsjahres wird wieder viel über Fachkräftemangel gesprochen – wie erleben Sie das in der Praxis?

Michael Erl: Den Fachkräftemangel kann man nicht wegstreiten, den gibt es – und zwar nicht nur am Bau, sondern in allen Branchen. Nach meinem Eindruck stehen wir erst am Anfang von großen Problemen. Es wird noch schwieriger werden, Auszubildende und Fachpersonal zu bekommen.

Macht sich das im Alltag schon bemerkbar?

Erl: Wie jedes Unternehmen möchten auch wir ein gesundes Wachstum generieren, und dazu braucht man Personal. Das ist der entscheidende Punkt. Wir haben eine Aufstellung über die Altersstruktur unserer Mitarbeiter gemacht und wissen, dass die geburtenstarken  Jahrgänge nun allmählich in Rente gehen werden. Das macht sich natürlich bemerkbar. Wir versuchen dem entgegenzuwirken, um unseren Personalstand zumindest halten können. Ein Personalaufbau wird in der Lage natürlich sehr schwierig. Aber wir setzten alles daran, die Abgänge mit jungen Mitarbeitern zu ersetzen, und zwar so rechtzeitig, dass die das Handwerk noch von den erfahrenen Mitarbeitern  lernen können.

Wie sieht der Wettbewerb um die jungen Leute aus?

Erl: Wie viele andere Unternehmen auch gehen wir in die Schulen, in die achten und neunten Klassen. Bei den Bauberufen ist die tarifliche Bezahlung der Lehrlinge schon recht gut, wir setzten aber noch was drauf. Wir machen auch interne Förderung, damit die Leute wirklich sehr gut ausgebildet werden. Und auch nach der Ausbildung versuchen wir die Leute zu halten. Wer das Potenzial hat, wird bei der Weiterbildung unterstützt zum Vorarbeiter, Polier und auch Meister.

Versuchen die Firmen, sich die Mitarbeiter gegenseitig abzuwerben?

Erl: Ich möchte nicht, dass uns wer abgeworben wird, daher machen wir das auch nicht.

Aber es kommt vor?

Erl: Natürlich kommt das vor, dass Mitarbeiter mit besserer Bezahlung zu einer anderen Firma gelockt werden.  Aber oft bleiben die dann trotzdem bei uns. Vielen geht es heute nicht alleine ums Geld, es werden auch andere Prioritäten gesetzt. Freizeit oder gutes Betriebsklima ist oft wichtiger als ein Euro mehr oder weniger.

Ist das ein spezielles Problem der Handwerksberufe am Bau, oder ist es bei den Büroberufen genauso?

Erl: Es ist ein Branchen übergreifendes Thema. Wir bauen ja viele stationäre Pflegeheime und wissen deshalb: Die haben einen vielleicht noch größeren Mangel als wir am Bau. Wir erleben es immer wieder, dass Teile eines neu gebauten Pflegeheims nicht eröffnet werden, weil das Personal dafür fehlt. Fürs Büro bekommt man zwar noch mehr Bewerbungen als für die Baustellen-Berufe, aber es ist auch da  sehr schwierig, dass man qualifiziertes Personal findet.

Wird zu viel Werbung fürs Studium und zu wenig fürs Handwerk gemacht?

Erl: Gut finde ich das duale Studium. Das machen bei uns zwei Auszubildende. Einer lernt zum Beispiel Maurer und macht parallel ein Studium zum Bauingenieur. Das finde ich sehr wichtig, dass man viel von der Praxis sieht.  Die Handwerkskammern haben ja schon vor einigen Jahren damit begonnen, das Handwerk besser zu bewerben. Das haben sie gut gemacht, aber vielleicht ein paar Jahre zu spät. Man müsste wohl auch noch viel früher ansetzen, im Kindergarten und im Grundschulalter, damit man ein anderes Bild vom Handwerk und vom Bau in die Köpfe rein bekommt. Da gibt es aus vergangenen Jahrzehnten oft noch ein falsches Bild und einen schlechten Ruf, der heute nicht mehr gerechtfertigt ist. Ich bin mir sicher: Wer sich für eine Ausbildung im Handwerk entscheidet, das durchzieht und sein Handwerk ordentlich lernt, wird keine Zukunftsprobleme haben und gutes Geld verdienen. Die Gesellschaft muss sich darauf einstellen, für eine Handwerker-Stunde genauso viel zu bezahlen wie für eine Rechtsanwalts-Stunde, weil die Leute einfach nicht mehr da sind.

Ist Zuwanderung eine Lösung?

Erl: Es wird ohne Arbeitskräfte aus dem Ausland in den meisten Branchen nicht gehen. Deshalb sehe ich auch die Integration der Flüchtlinge als Chance. Wir haben zum Beispiel sechs Mitarbeiter aus Eritrea, von denen heuer vier eine Lehre bei uns anfangen als Maurer, Betonbauer oder Zimmerer. Sie sind schon einige Jahre im Unternehmen, haben Sprachkurse gemacht und waren mit auf den Baustellen draußen. Vier sind nun sprachlich und fachlich so weit, dass sie eine Ausbildung machen können. Die freuen sich riesig.

Es heißt, die Digitalisierung werde viele Arbeitskräfte überflüssig machen. Gilt das auch für den Bau?

Erl: Mit neuen Technologien, etwa neuen Vermessungstechniken, kann man viel machen. Außerdem versuchen wir immer stärker zu rationalisieren und viel mit Fertigelementen zu arbeiten. Beispielsweise werden schon fertige Bäder in den Rohbau eingesetzt, damit man weniger Handwerker auf der Baustelle braucht. Mit Rationalisierung und modularer Bauweise braucht man weniger Leute, aber damit können wir gerade einmal auffangen, dass immer weniger zur Verfügung stehen.

Was würden Sie sich von der Politik wünschen?

Erl: Im Pflegebereich will die Bundesregierung auf einmal 13.000 neue Stellen schaffen – aber woher nehmen und nicht stehlen? Da sind die Politiker oft zu weit davon weg, wie die Realität in den einzelnen Branchen aussieht. Ich würde mir wünschen, dass die Leute von der Basis gehört werden, bevor man irgendwelche willkürlichen Aussagen trifft.